26.06.2008

Crimeblips - Kriminalstatistik Berlin 2.0 von Hendrik Speck/ FH Kaiserslautern/ Zweibrücken

SpeckDie Crimeblips, eine Kriminalstatistik für Berlin, kommt nicht aus dem IT-Labor des Innensenators sondern aus der Softwareschmiede von Professor Hendrik Speck aus Kaiserlautern/Zweibrücken und Berlin, der bisher vor allem für seine statistischen Analysen von Social Networks bekannt geworden ist.

CrimeBlips verfolgt einen ähnlichen Ansatz: öffentlich zugängliche Informationen, wie Bevölkerungsstatistik und Polizeibericht werden visualisiert und statistisch ausgewertet.
Dass das einen provokanten Unterton hat ist klar, wobei ich einige Anmerkungen dazu hätte, was genau Daten hier aussagen.

crimeblips screenshot

Nochmal im Detail (ich spare mir massig Screenshots, ihr könnt euch das selbst ansehen):
* Auf einer Karte werden die Polizeimeldungen nach Typ dargestellt: Körperverletzungen, Diebstähle, Brandstiftungen, "Meldungen", Vandalismus, "Sonstige". Polizeimützen stehen für die Ansammlung von Meldungen und beim Doppellinksklick in die Karte spalten sich die Meldungen auf oder man kann sie in einen Popupfenster durchsehen.

Klickt man rechts den Menüpunkt 'close' an erscheint am unteren Rand eine Navigation mit Zugang zu Stastistikdaten (Klick auf die Kuchengrafik oder auf den Button 'Statistiken' in der 'Temperaturkurve').

Die Statistik bietet drei Ansichten:
a) Verbrechensmeldungen an der Zeitachse
b) Kriminalitätsrate (wenn ich recht verstehe sind das NICHT die ausgezählten Meldungen der Polizei sondern eine separate Statistik?) in Korrelation zu Arbeitslosenquote, Ausländeranteil und türkischem Bevölkerungsanteil bezogen auf die Bezirke von Berlin
c) Verteilung von Verbrechen nach Typ auf die BezirkeIch muss zugeben, dass sich rein optisch gerade bei a) und b) wenig Erkenntnisse ergeben, außer dass Köpenick ein sehr "kriminalitätsarmer" Stadtteil zu sein scheint und dass die Zahl für Marzahn entgegen dessen Ruf recht niedrig ausfällt. Für mich sieht es auch nicht so aus, als ob Ausländeranteil, Arbeitslosigkeit und Kriminalitätsrate irgendwie korrelieren. Falls sie es täten, lägen die Ursachen dafür wahrscheinlich komplexer als in diesen wenigen Kriterien. Dazu gleich mehr.

Ein paar Anmerkungen zur Methodik.

* Bestimmte Verbrechen und Vergehen dürften bei diesem Verfahren definitiv durch das Raster fallen, aus meiner eigenen Erfahrung als Gerichtsreporter weiß ich ich, dass beispielsweise Betrugsdelikte einen nicht unerheblichen Anteil am Arbeitspensum einer Strafkammer belegen. solche 'soften' Delikte, die nicht zuerst bei der Polizei landen und im Anzeigestadium kaum im Polizeibericht auftauchen, fallen hier unter den Tisch. Provokant gesagt: Eventuell leben alle Betrüger in Köpenick. (Ha! Gruß an Herrn Zuckmayer udn den "Hauptmann von K.")

* Dass das 'Volumen' der Meldungen relativ konstant ist, könnte auch damit zusammen hängen, dass der Output an Polizeimeldungen eher durch Arbeitskraft gedeckelt ist als durch 'Vorfälle'. D.h. eventuell würde sich, so in der Tat die Zahl der Verbrechen sich verdoppeln würde, die Anzahl der Meldungen nicht verdoppeln, da da Berichte abgebildet werden und nicht anzeigen oder Meldungen. Anders: eventuell passiert in manchen Bezirken deutlich mehr, aber die Polizei sieht es nicht, kann es (aufgrund von Personalmangel) oder will es nicht sehen (warum auch immer - hier lokal wird aktuell während der EM auch vieles (Ruhestörung, Autos in der Fußgängerzone, whatever) geduldet, weil man es gar nicht einschränken können will). Erneut provokant gesagt: Man fährt da Streife und nimmt da Leute hops, wo es einem opportun erscheint. (Zur Klarstellung: Ich bin überzeugt, dass die Berliner Polizei insgesamt nen guten Job macht, aber ich bin mir auch sicher, dass der eine oder andere schon auch seine Gesundheit oder sein Nervenkostüm im Blick haben wird. Das ist EIN Faktor, der in eine Statistik wie diese einfließen muss.)

* Etwa 25% der Vorfälle sind 'Meldungen', darunter sind auch solche Sachen wie 'Jugendlicher stirbt nach gefährlichem Eingriff in den Verkehr' (= Suizid?), oder: jemand wird festgenommen, weil ein Polizist gehört hat, wie er einen Ausländer 'Neger' genannt hat (wenn ich recht verstehe ohne, dass Anzeige erfolgt ist). Da entsteht ein bisschen der eindruck, dass generelle Vorfälle, die nicht gerade unter 'Verbrechen' einzusortieren wären, mit in de Statistik fließen, eventuell auch, weil es während der Schicht sonst nichts zu berichten gab.

* Der Polizeibericht richtet sich im Wesentlichen an die Presse. D.h. er wird auch das thematisieren (und in einer presseverwertbaren Art und Weise), was in der Regel auch in der Zeitung landet. Ich habe selbst monatelang in Lokalredaktionen den Polizeibericht betreut. Und zwar sowohl in der Form, dass ich jeden Tag mit dem Polizeisprecher zusammen saß und der den beiden Journalisten zweier Zeitungen in den Kugelschreiber erzählt hat, was so war, als auch in der Form, dass ein Stapel Meldungen ankam, die man von Polizeipressedeutsch und Zeitungspressedeutsch übersetzt hat. D.h. kommunikationslogisch sitzt da zwischen der Realität und dem Polizeibericht durchaus noch ein Filter. Beispielsweise wurden in einer Zeitung, für die ich arbeitete grundsätzlich Suizide nicht thematisiert. Oder bei Unfällen flene solche weg, dei unter 1000 DM Sachschaden waren, oder der Sachschaden blieb unter 5000 DM weg, wenn es Tote gegeben hatte. (Ja, DM, ist schon ne Weile her ;) )

* Es wäre in der Tat spannend hier jetzt auch Dinge wie Jahreseinkommen, Hochschulabschluss und Quote der Steuerhinterzieher zu erfassen. Das wäre sicher auch erkenntnisfördernd ;)

* Aus Innenministerien und von der Polizei hat Hendrik Speck schon eher ziespältige Rückmeldungen, ich fände es schön, wenn man die Überlegungen, was man an Positivem aus solchen Auswertungsansätzen herausziehen kann, weiter verfolgt - jenseits von politisch-administrativem Taktieren. Jedenfalls hoffe ich nicht, dass es so kommt, wie Hendrik im Chat gesagt hatte: "Ich frag mich schon, wer mich diesmal abmahnt."

Fazit:
Wenn eine solche Statistik wie die hier vorliegende,
* auf vollständige Daten beruhen würde und
* Korrelationen von Kriminalität zu allen bekannten Einflussfaktoren darstellen könnte
* und die Politik bereit wäre, auf der Basis solcher Daten ernsthaft zu HANDELN (und zwar präventiv und nicht durch Hinschicken von mehr Polizei)

... dann fände ich das prima.

Ach ja, und vielleicht wird ja dieses Datenbasis nicht nur dazu benutzt zu sagen "Ich zieh nach Köpenick oder nach Marzahn" sondern vielleicht provoziert sie ja in der Art, dass Leute, die friedlich und sicher in einem Stadtteil leben wollen selbst überlegen, welche Randbedingungen sie verbessern möchten, damit es weniger Kriminalität geben kann:
* Bildung
* Kreativität
* Solidarität
* Nachbarschaftshilfe
... und was es da alles für schöne Ideen gibt. Der Staat könnte alles machen, aber er muss nicht.

... das fände ich noch besser.

Die Software gibt es auch bei Sourceforge. Zum Anpassen für Passau, Mannheim und Stuttgart ;)

PS: Aggressive und fremdenfeindliche Kommentare zu diesem Posting werden gelöscht ;) Konstruktive Anmerkungen und vor allem auch Backgroundinfos zur Berliner Stadtsoziologie sind erwünscht.

Berichte anderswo:
* Robert
* Spreeblick (slightly beside the point ;) )
* pixelroiber

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