22.08.2011

Über Blogger Relations - ein Interview

Disclosure:
Dieses Interview hat Dörte Giebel (http://netzfaktorei.de/) im Rahmen der Entwicklung des ILS-Fernlehrgangs “Social Media Manager” (http://www.ils.de/social-media-manager.php) für die Studieneinheit über PR im Social Web geführt. Für diesen Fernlehrgang hat habe ich]zudem eine Einführung in das Bloggen verfasst und betreut diese Studieneinheit (SoMM 3) auch als Fernlehrer.

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Oliver Gassner ist bereits seit Ende der 80ger im Internet aktiv. Der ehemalige Gymnasiallehrer hat im Jahr 2002 sein Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet seitdem als freiberuflicher (Online-)Journalist und Blogger sowie als Kommunikationsberater für Social-Web-Projekte. Er betreibt das Blog „Digitale Tage“ (http://blog.oliver-gassner.de/) sowie viele weitere Blogprojekte.

Dörte: Kommunikationsprofis in Unternehmen haben erkannt, dass Blogger eine ernstzunehmende Größe in der Öffentlichkeitsarbeit sind. Ist das (in Deinen Augen) so?

Oliver: Definitiv. Inhalte in Twitter und Facebook, und bald wahrscheinlich auch Google Plus, haben zwar kurzfristiges virales Potential - das ist an sich auch wertvoll. Aber Inhalte auf Webseiten und vor allem den sehr suchmaschinenfreundlich strukturierten Blogs sind langfristig und nachhaltig in Suchergebnissen präsent und konservieren eine passende Diskussion langfristig. Was ich hier an positiver und negativer Reputation "kassiere", das bleibt.

Dörte: Wie definierst Du eigentlich Blogger Relations? Oder verwendest Du einen anderen Begriff lieber?

Oliver: "Mit Bloggern sprechen" *lächelt* Nein, man kann das schon so nennen, sollte sich aber bewusst sein, dass Blogger Relations eher so funktionieren wie sehr sehr persönlich strukturierte PR und nicht wie "Ach, lass uns mal was zu OpenPR stellen und an 2.000 Journalisten aus ‘ner Datenbank mailen!". Anders gesagt, ich würde es definieren als "Aufbau von anhaltenden dialogischen Beziehungen zu Bloggern mit passenden Themen und/oder großer Reichweite". "Anhaltend", "dialogisch" und "Beziehungen" sind hier die Schlüsselwörter. Und das Ziel ist nicht nur das Generieren eines (positiven) Belegs, sondern das Lernen voneinander. Der Blogger versteht dann mein Business besser und ich lerne etwas darüber, wie mein Business und meine Prozesse, mein Produkt und mein Image von außen aussehen.

Dörte: Hat sich denn die Art und Weise, wie Du als Blogger von Unternehmensseite angesprochen wirst, in den vergangenen Jahren verändert?

Oliver: Also eher die Frequenz. Es gibt immer noch geeignete und ungeeignete Anspracheweisen. Es gibt immer noch Leute, die so tun, als würden sie Dein Blog lesen oder finden, dass ihr Produkt supergut zu Deiner Zielgruppe passt. Und es gibt immer noch die Leute - übrigens in Firmen beliebiger Größe - die verstehen, worum es geht und die es auch schaffen, für eher uncoole Brands echte Fans zu generieren. Wobei ich eher Fans von Menschen werde, die gute Arbeit machen, als Fan einer abstrakten Marke. Von Firmen, die Social Media wirklich - als Dialog zwischen Menschen - verstehen, davon würd’ ich mir immer noch mehr wünschen.

Dörte: Welche Pressesprecher bzw. PR-Treibende haben es in Deinen Augen denn geschafft, „einer von uns“ zu sein? Wer bringt sich wirklich in der Blogger-Community ein?

Oliver: Am ehesten Leute, die davor schon Teil der Community waren, aber auch einige andere. Vorher dabei war zum Beispiel Mike Schnoor (http://twitter.com/MikeSchnoor), super Arbeit tun zum Beispiel Lori Grosland für Microsoft (http://twitter.com/lolog) oder Pia Kleine Wieskamp für Pearson (http://twitter.com/AddisonWesley). Oder auch Ibo Evsan, früher Sevenload, jetzt Fliplife (http://twitter.com/Ibo). Und Kirstin Walther (http://twitter.com/SaftTante). Das sind alles Leute, die lernst Du nicht dadurch kennen, dass sie Dich per Mail anpitchen, sondern dadurch, dass Du sie auf einem Barcamp oder einer Konferenz triffst. Gut, Mike hab ich als regelmäßigen Kommentator in meinem Gadgetblog kennengelernt - da war er noch Student. Aber das ist das Rezept: Hingehen, Leute treffen, den Dialog vom Realen ins Virtuelle rüberretten, zuhören.

Dörte: Und was war bislang Dein gruseligstes Erlebnis in punkto plumpe PR-Anfrage?

Oliver: Eine Ansprache einer ebook-Firma via Skypechat. Auf die Replik, dass ich ihnen gerne zeigen würde, wie man mit Bloggern wirklich umgeht, kam die Antwort: "Wir bloggen auf Twitter und Facebook." Da versagte dann sogar meine evangelistische Ader und ich hab das Gespräch mit einem “aha” abgebrochen. Immerhin verdanke ich dieser Ansprache ein Zitat, mit dem ich bei jedem Vortrag unter Fachleuten einen Lacher provozieren kann. Ansonsten nerven eher die Linktauschanfragen von SEOlern. Ich linke täglich auf tolle Sachen im Netz. Wenn man solche Inhalte generiert, kommen die Links von selbst.

Dörte: Wie sieht eigentlich Dein persönlicher Ehrenkodex als Blogger aus: Bloggst Du für Unternehmen? Und wenn ja, zu welchen Bedingungen?

Oliver: Ja, wobei meine Kapazitäten da sehr beschränkt sind. Eher im Rahmen von Projekten, die ich auch beratend betreue oder im Rahmen von Partnerschaften. Generell blogge ich nicht anonym oder unter Pseudonym für Kunden, und auch nicht, ohne das offenzulegen, dass es sich um eine Kundenbeziehung handelt. An sich blogge ich auch nicht für Projekte, die ich inhaltlich nicht gut finde, d.h. entweder qualitativ oder ethisch fragwürdig finde.

Dörte: Mal eine ketzerische Frage: Können Blogger mit dem Bloggen Geld überhaupt verdienen, ohne von anderen Bloggern misstrauisch beäugt zu werden?

Oliver: Also irgendwem passt immer nicht, was man macht, egal ob man damit Geld verdient oder nicht. Geldfluss erzeugt Neid sicher am verlässlichsten. Die Frage ist ja eher, ob man mit PageImpressions Geld verdient - dann rutscht man langfristig in den Boulevard ab, wenn man daraufhin optimiert. Oder ob man bloggt und beweist damit eine bestimmte Kompetenz und davon lebt, dass andere diese Kompetenz einkaufen - will sagen: Beratung, Projekte umsetzen, Speaker, Schulungen etc. Der Boulevard-Weg erzeugt Neid sicher verlässlicher. Andererseits kann man auf negatives Feedback ja auch mal hören oder den konstruktiven Kern herausfiltern und überlegen, ob man das nicht aufnehmen will.

Dörte: Zurück zur Unternehmensseite: Welche Unternehmen haben für Dich wirklich Vorbildcharakter in punkto Blogger Relations?

Oliver: Walthers Fruchtsäfte (http://www.walthers.de/), Sonntagmorgen.com (http://www.sonntagmorgen.com/), XING (http://blog.xing.com/category/german), Mindmeister (http://www.mindmeister.com/), Sevenload (http://de.sevenload.com/) (also eher früher unter Ibo und Mike, inzwischen kriege ich kaum noch was mit)... Puh, die Frage überfordert mich etwas, da ich ja dauernd mit Startuppern und so rede. An sich kann man sagen: Jedes Unternehmen taugt als Vorbild, das selbst ein authetisches Blog betreibt und von dem man Mitarbeiter auch bei Tweetups, Barcamps, Pl0gbars, GTUG-Treffen und anderen Szene-Veranstatungen trifft.

Dörte: Du warst ja mal Lehrer... Wenn Du Unternehmen drei Merksätze hinter die Ohren schreiben dürftest, wie würden die lauten?

Oliver:
Es heißt “das Blog” (egal was im DUDEN sonst noch als Nebenvariante steht).
Das Internet verbindet Menschen, nicht Maschinen.
Social Media ist wie Sex: Bücher drüber lesen ist anregend - aber selber machen und - kompetent begleitet - ausprobieren, schlägt alles (und wenn Dein Chef das doof findet, wechsle den Chef!).

Dörte: Vielen Dank für Deine offenen Worte!

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Crossposting: Dieses Interview finden Sie auch auf http://netzfaktorei.de/?p=1083.

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