14.10.2011

"Das Regionenspiel und ein bisschen Infohacking" oder: Wie man Web 2.0 auf ein Radio-Quiz 1.0 anwendet

Weil ich meine Social-Media-Kanäle die letzten Tage mit dem Regionenspiel zugespammt habe, schulde ich den meisten wohl noch ein paar Erklärungen. (Jedenfalls bin ich gestern bei einem Treffen mehrfachdarauf angesprocehn worden, worum es den eigentlich gehe und was meine Rolle hier sei.)

Was das Regionenspiel ist etc. kann man sicher unter dem Link oben ganz gut nachlesen, es geht um SWR4, einen Radiosender hier, dessen Regionalbüros und 8 Gemeinden, die in 4 Paarungen gegeneinander antreten. Natürlich Baden gegen Würtemberg ;)

Eine der Aufgaben hat damit zu tun, dass man Worte und Sätze aus dem 'gegnerischen' Dialekt erraten muss.
Bei uns war ich der Koordinator des Teams, das hierfür zuständig war.

Die Aufgabe:
- 3 Dialektworte in je 30 Sekunden aus drei Optionen (a b c ) erraten.
- 1 Dialektsatz übersetzen.

Das Setup
- 3 Telefonleitungen zu Sprechern des Ziel-Dialekts
- 1 Schwäbischssprecher mit Schwäbischlexikon
- Telefonleitung zu 1 Sprachwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Dialekt und Althochdeutschkenntnissen und dem nötigen 'Konversionsknowhow'
- 1 SMS-Leitung zu einem Team, das gerade (u.a.) den Dialekt des Spielgegners erforscht und uns notfalls bei dem Satz zur Verfügung gestanden hätte
- 2-3 Dialektsprecher unseres eigenen Dialekts, die besonders alte Worte kannten, die sonst keiner/kaum einer kannte (ab Aufgabe 2)

Die Vorbereitung:
- Briefing der Beteiligten, dass wir binnen 30 Sekunden einen Antwort geben müssen, und dass deswegen eine Zeit für Diskussionen ist
- genaue Klärung der 'Taktung': Wann kriegen wir welche Aufgabe etc. (bei einerradiosendung kann man das idR auf 2 Min genau eingrenzen)
- stehende Telefonleitungen immer rechtzeitig vor der Aufgabe
- eine zentrale Infosammelstelle: eine Pinwand
- jede "Infoquelle" hatte (ausreichend) Zettel mit A, B und C
- die Sammelstelle hatte 3 große Tafeln A B C um das Ergebnis auf die Bühne zu signalisieren
- dabei war die Sammelstelle hinter einem Rathausfenster das notfalls verbale Kommunikation zur Bühne erlaubte.

Der Ablauf:
- Telefonleitungen rechtzeitig 2-3 min vor Erteilung der Aufgabe aufbauen
- Partner hören am Radio mit bzw hören Radio via Telefon
- in 5 bis 10 Sekunden fragt jede Station eine Lösung (abc) ab
- in den 2. 5-10 Sekunden meldet die Station die Lösung ans Pinbrett: einfach hingehen und anpinnen
- jetzt haben wir ca. 10 Sekunden um das Pinbrett auszuwerten und die Lösung an die Bühne zu geben, wo unser Vertreter sie über den Äther jagt

Problem:
- Beim ersten Wort passierte genau das, was nicht passieren sollte: Das System hatte als Output 4xA, ich gab dasA nach außen aber aus dem Publikum kam der Input: "Nein C ist richtig", gleichzeitig kam auch über Telefon ein "C". Ich entscheid: Gut wir nehmen C, da hatte der Bürgermeister - der wusste, dass er im Publikum erfahrene Dialektsprecher hatte - das selbe entscheiden. Bingo. 2 Punkte

Agil reagieren:
- Wir haben einfach die Experten aus dem Publikum als weitrere Quelle ins Team genommen)

Und der Output war in drei Fällen 100% eindeutig, nur im ersten Fall gab es die erwähnten Abweichungen.

Der Witz zudem:
Auch das Schwäbischlexikon, das ich mitbenutzt habe, hätte dort gar nichts zu suchen, der Zieldialekt war nämlich Fränkisch. Rein sachlich hätte ich das gar nicht eibauen dürfen.
Aber ich sagte mir: Sie werden ungewöhnliche Worte nehmen und leben an der Grenze zum schwäbischen Dialektgebiet; also ist es möglich, dasss sie keine fränischen sondern schwäbische Begriffe nehmen, oder so alte Begriffe, dass sie im gesamten Süddeutschen Dialektgebiet ähnlich sind.
D.h. es war gut, neben der sachlichen eine menschliche bzw unwahrscheinliche ebene mit zu rate zu ziehen, dei dem widersprach, was man vorher angenommen hatte: "Wir verstehen die nicht."

Es zeigte sich, dass die meisten gewählten Begriffe auch in unserem Dialekt vorhanden waren.

Kurz und gut:
Wir haben alle 4 Dialektaufgaben 100% gelöst, da die anderen zwei unserer Aufgaben nicht lösen konnten (Hergele = Heiligenbild zum Einlegens ins Gesangbuch/ Hergöttle, Grottahegel = schlechtes, nutzloses oder stumpfes (Taschen-)Messer). Dadurch haben wir 4 Punkte der schließlichen Punktedfferenz erspielt (25:15) und insgesamt 9 der Gesamtpunkte.

Und das im Prinzip nur dadurch, dass wir eine optimale Zahl an Informationsquellen in sehr kurzer Zeit aggregieren konnten.
Meine Kompetenz habe ich an sich nur bei der Ansprache und Auswahl der Wissenschaftler und einiger Quellen genutzt und beim "Setup" des Infostroms, der an sich der eines RSS-Aggregators mehr ähnelt als der eines Expertengremiums (so ein Gremium diskutiert ja, das konnten wir ja aus Zeitgründen nicht).

Und am wertvollsten war mein Fach-Knowhow an der Stelle, an der ich es -im Blick auf mögliche Strategien des Gegners- ignoriert habe. (Die Ausdrucksweise konnte eben identisch sein, sie musste nicht verschieden sein.)
Und wertvoll, war es da, wo ich Optimierungsideen aus dem Onlineleben auf eine Offline-Interaktion übertrage habe.

Die Worte gegoogelt habe ich auch.
Das war nutzlos. ;)

Hier ein erneutes Dankeschön an mein Team und die 'Infoquellen' und an die Leute, die für eine der Aufgaben 32.519 (!!!) 1 Meter hohe Windräder gebaut haben. (Ich hab auch ein paar davon zusammengenagelt ;) )

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