18.06.2012

Demut und Humor - Jan-Uwe Rogge über Chaos und Lachen bei der Erziehung

Den folgenden Text habe ich 2006 für ein Lokalblatt geschrieben, da Rogge in ein paar Tagen hier in den Ort kommt, brauche ich diesen Text Online ;)
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Demut und Humor - Jan-Uwe Rogge über Chaos und Lachen bei der Erziehung
Vortrag auf Einladung von Kulturamt und Familienbildung in der Peterskirche

An irgendwem muss es ja liegen, dass beim Wort „Kind“ statt der Worte „Lachen“ und „Freude“ eher das Wort „Problem“ in den Sinn kommt. An Jan-Uwe Rogge jedenfalls liegt es nicht und das Lachen ist ein zentraler Punkt in der Lach-Therapie, die er einer mehr als gut besetzen Peterskirche voller Eltern zukommen lässt. Rogge ist Erziehungsberater und Autor von Büchern mit Titeln wie „Kinder brauchen Grenzen“ oder „Lauter starke Jungs“. Das neuste Buch heißt „Ohne Chaos geht es nicht“ und dessen Lehren stehen auch im Mittelpunkt von vergnüglichen zwei Stunden in denen Rogge in freier Rede mit Handreichungen und Beispielgeschichten erklärt, was wirklich gute Eltern sind.

Chaos, das steht für den Abschied von der Vorstellung, man sei nur dann ein gutes Elternpaar, wenn man „alles im Griff habe“. Neben Humor und Gelassenheit plädiert Rogge für Demut:
Für die Erkenntnis, dass man eben nicht verantwortlich ist und etwas unterlassen hat oder „tun muss“, wenn das Kind nicht durchschläft. Sondern erkennt, dass sich viele Dinge von selbst regeln. Dass man nicht dem Kind Ziele setzt, an denen es scheitern muss: was dann erst zu den eigentlichen Problemen führt. Dann ist man eingekreist von „Jedes Kind kann (irgendwas) lernen“-Büchern, Verwandtenratschlägen und den Erfolgsgeschichten der umgebenden Eltern, deren Kinder alle viel besser „funktionieren“. Mut zu eigenen Fehlern statt der konstanten Selbstgeißelung mahnt Rogge an und schlägt vor, sich für den größten Erziehungsfehler des Tages Abends zu belohnen – Fehler, von denen man laut Rogge übrigens etwa 25 am Tag macht.
Und was sind die Fehler? Wir etikettieren Kinder als Einzelkinder, Sandwichkinder und Nesthäkchen, als Problemkinder und hyperaktiv, als Schnecken und Kinderstars und wundern uns dann, wenn uns das den Blick aufs Kind verstellt. Rogge zitiert öfters den Erziehungsklassiker Pestalozzi aus dem 18. Jahrhundert. Der sagt zum Beispiel: „Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen – außer mit sich selbst.“ Wer erfahren hat, wie sich solche Fremdvergleiche am eigenen Leib anfühlen, der versteht das. Aber macht er es auch? Wir versuchen Kinder über einen Kamm zu scheren, indem wir sie „mit Bachblüten ruhigstellen oder mit Homöopathie bekiff[en]“ (Rogge) und indem wir sie in Therapien pressen, die wir aus Büchern entnehmen. Schmunzelnd weist der Erziehungsberater darauf hin, dass es weder Erziehungsvorträge noch Erziehungsbücher gab, als die Anwesenden selbst von ihren Eltern erzogen worden sind.
Bei Rogges Vortrag sitzen die Gags dichter als bei einer deutschen Filmkomödie der Sechziger und an der Lautstärke des Lachens erkennt er, ob er einen Nerv trifft und hakt nach. Sind die Eltern wirklich so perfektionistisch, dass sie nun gleich die Großeltern noch mit erziehen? Darf es nicht bei Oma und Opa auch mal ganz anders sein? Haben die Männer mehr zu bieten als ein: „Schatz, du musst einfach konsequenter sein“? Rogge sieht die Welt aus Kinderaugen: Sie wollen Eltern, die ihnen Halt und Unterstützung geben, ohne sie einzusperren. Dazu gehört auch, dass man ein Scheitern zulässt. Wenn das trödelnde Kind dann mit dem Mamataxi zur Schule gebracht wird, dann lernt es nicht, selbst Verantwortung zu tragen.
Und wir sollten –schlägt Rogge mit Ghandi vor - von Kindern lernen: Lachen, Geduld, in diesen Disziplinen sind Kinder Weisheits-Meister.
Stattdessen üben wir uns in Vermeidung dessen, was unsere Eltern vermeintlich bei uns falsch gemacht haben und planen, mit den Kindern alles auszudiskutieren. Mit den bekannten Folgen.

„Kinder wollen so angenommen werden wie sie sind und nicht so wie wir sie haben möchten“, mahnt Rogge, wenn er mal kurz erst wird.
Und er erinnert an die Zeiten als die anwesenden Eltern Kinder waren: als man froh war, wenn die Eltern nicht immer da waren, als Kinder bei anderen Kindern in die „Schule des Lebens“ gegangen sind. Als Kinder noch gesehen und nicht gnadenlos diagnostiziert wurden.
Rogge plädiert für eine authentische Reaktion, die besser sei besser als eine superpädagogische: Auf das aus dem Kindergarten eingeschleppte Schimpfwort sei ein „Wo hast du das denn her?“ angemessener als ein didaktisches „Weißt du denn, was das heißt?“
Kinder wissen auch, was gut für uns ist: Wenn wir gereizt sind bringen sie uns zur wütenden Entladung – denn so hindern sie uns daran zu platzen.
Die Pubertät klammert Rogge in seinem Vortrag und in den Fragen danach aus und es ist eine weitere Veranstaltung im nächsten Jahr geplant – nur soviel dazu: Entweder in Pubertät oder Trotzalter seien Kinder auffällig. „Du wirst, egal was du für ein Kind hast, stadtbekannt – entweder ist es die Kaufhauskasse mit zweieinhalb oder der Anruf der Polizei mit 14“, tröstet Rogge. Schöner Trost.
Und neue Worte kann man lernen: „Kreative Kinder lieben die Streuordnung.“ Auch ein Zitat von Pestalozzi, sagt Rogge.

Gut, dann macht sich jetzt eine ganze Peterskirche voller Vaihingerinnen (und ein paar
Vaihinger) daran neu zu erziehen: Mit Demut und Humor bis zum nächsten Wutanfall und der nächsten abendlichen Belohnung für den größten Erziehungsfehler des Tages.

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