04.03.2010

Warum es keine Digital Natives gibt

"Als Digital Native werden Personen bezeichnet, die zu einer Zeit aufgewachsen sind, in der bereits digitale Technologien wie Computer, das Internet, Handys und MP3s verfügbar waren. Als Antonym existiert der Digital Immigrant, der diese Dinge erst im Erwachsenenalter kennengelernt hat."

Digital Native @ Wikipedia

An sich müsste man über dieses Thema ein Buch schreiben.

Ich werde es bei ein paar ausschweifenden und eher essayistischen Bemerkungen bewenden lassen.

Der Digital Native wird aktuell in Gesellschaft und Medien als Retter gehandelt: Wären nur alle wie er, so wäre alles gut: Firmen würden alle mit voll beschreibbaren Wikis arbeiten (mit Kunden und Partnern zusammen), wir alle würden bloggen und daraus die Zeitung per KI generieren und überhaupt würden wir dann einfach über alles reden und es auszudiskutieren.

Digital Natives sind technisch versiert, neugierig und kompetent, bringen sich neue Skills selbst bei und sind wunderbare Kommunikatoren.

Alles einwandfrei.

Aber der 'Digital Native' ist eine Metapher, ein Bild. Wenn nicht gar ein Marketing-Begriff für eine Zielgruppe. Begriffe kann man mal genau angucken, das möchte ich hier tun.

->Wenn man sich die Wikipedia-Definition ansieht, dann scheint es, als ob die Digitalkompetenz dem DN Kraft Geburt zuwächst. Allein dadurch, dass etwas in unserer Umgebung ist, erlernen wir offenbar den korrekten und kompetenten Gebrauch.
Also: Frühmensch - Stein - Steinwerkzeug.
Einfach so.
Nein, sorry, Kultur funktioniert und funktionierte auch in der Steinzeit anders.

Paradigmen wechseln nicht einfach so von selbst und die Schaffung neuer Medienkompetenz geschieht nicht durch den Geburtsjahrgang sondern durch Lernprozesse. Gut, die Prozesse mögen mal formell und mal informell sein. Aber wer sich mal angesehen hat, wie man Faustkeile macht und welche Methoden es gibt (ich hatte dazu kürzlich Gelegenheit bei der hervorragenden Eiszeit-Ausstellung in Stuttgart), der kann sich auch vorstellen, wie dieses Wissen weitergegeben wurde. Weiterentwickelt jedenfalls wurde es aus der Praxis des Alten in die Praxis des Neuen. Nur zugucken und dann gleich neu erfinden: Das geht schwer.

Auch das Digitale hat seine Kultur und seine Geschichte, die irgendwo bei Babbage oder Leibniz beginnt , über Alan Turing wandert und bei Steve Jobs hoffentlich nicht endet. (Beim Internet wären die Stichworte der Basiskultur, auf der das heutige Netz und die Open-Source-Kultur aufbaut, "Usenet", "IRC" und "Hackerethik".)

Bloß, weil ich mit den historisch spätesten Werkzeugen einer Kultur 'gut umgehen kann', bin ich noch nicht 'kulturkompetent'.

Neil Postman hat zwei der erhellendsten Bücher geschrieben, die ich je gelesen habe: "Das Verschwinden der Kindheit" und "Wir amüsieren uns zu Tode". Dort ist die Rede davon, welche Kompetenzen der Gutenberg-Ära in der TV-Ära verloren gehen -- von Computerspielen war Anfang der 80er noch nicht die Rede; damals gab es grad Space Invaders, Nethack und Pong.
Postman ist allerdings auch nur ein Echo des genialen Marshall McLuhan, der zeigt, wie Medien funktionieren: Als Erweiterungen und Ersatz menschlicher Fähigkeiten. (Also: die Schrift ersetzt das Gedächtnis bzw. die Stimme etc.)

Wenn Medien so funktionieren, wie McLuhan es beschreibt, dann ist Know-how und Erfahrung mit den jeweils früheren Medienstufen essentiell. Oder: Keine Typographiekompetenz ohne Kalligraphiekompetenz. Kein Drehbuch, wenn ich Theater nicht verstehe. Und das ist bei ganzen Mediengattungen -- oder Medienkonglomeraten wie dem Web -- erst recht so. (Und der Grund, warum Journalisten Blogger nicht verstehen, liegt an der ganz bestimmten Sozialisierung, die man als Journalist erfährt; so meine Hypothese ;) )

Was ist vom Digital Native "an sich" zu halten wenn...
... in den 90ern sich die Frage der Kids zum Netz darauf beschränkte, wie sie eine der ihnen zugeflatterten AOL-Gratisstunden-CDs zum Laufen kriegen. (Keiner hat mich gefragt: wie lern ich HTML? Und der erste , den ich HTML basteln sah, benannte die Dateien 1.html 2.html etc... ;) )
... eine Siebenjährige am TV den Kika nicht findet (und auch nicht wüsste wie), weil den sonst immer der Bruder einstellt.
... wenn ein 15jähriger Blogger erklärt, er könnte die CSS-Datei seines Wordpress-Blogs nicht anpassen, weil er nicht wisse... wie? (Mein Hinweis auf SELFHTML erntete ein Schulterzucken.)
... wenn Mitglieder von KWICK immer via Google auf meinem Blog landen, wenn KWICK down ist, und nicht verstehen, wo sie sind, und denken, sie seien in KWICK? (Blind? Handybildschirm zu klein?)
... wenn der 16jährige nicht nur per Mail nicht erreichbar ist sondern auch auf keinem anderen digitalen Kanal (inklusive SchülerVZ).
... wenn der 22jährige sagt: "Mit Blogs, Twitter und HTML haben die meisten meiner Kommilitonen nichts an Hut." ... und er studiert Medieninformatik.

Das mögen Einzelfälle sein, die mir so begegnet sind, aber sie sind keine 'Ausbrecher' sondern eher Typen, die es massenweise gibt.

Würde man Babys ins Wasser werfen, sie würden auch nicht schwimmen lernen sondern nur (und hoffentlich) lernen über Wasser zu blieben und warten, dass irgendwer ihnen irgendwann Schwimmfügel gibt. Oder Touchscreenhandys.

Knowhow über das Digitale mag sich auf einer pragmatischen Ebene "von selbst" entwickeln (mein Sohn hat sich durch reines Zuschauen und ein paar wenige gezielte Nachfragen das Schachspielen auch selbst bei gebracht - nur die en-passant-Schlageregel für Bauern hat er 'verpasst'), aber um kompetent in einer Medien-Kulturumgebung zu agieren, muss ich verstehen, ich kann nicht nur 'tricksen'. Ich weiß dann zwar, wie ich die Figuren bewege und mache Erfahrungen über die Taktik. aber mehrere Jahrhunderte an Schachliteratur kann ich durch 'Praxis' nicht absorbieren. Piaget hat das mal in das Begriffspaar Assimilation und Akkomodation gefasst: Mal wende ich ein gelerntes oder 'programmiertes' Schema an, um mit der Umwelt umzugehen, mal lerne (verstehe, begreife) ich etwas. Das 'einfache Anwenden', die Praxis, das fällt dem leicht lernenden Kind mit dem Digitalen schnell zu. Das Verstehen ist komplexer und erfordert in unserer Welt noch mehr Kompetenzen als die pragmatischen.

D.h. ein Neunjähriger kann sehr wohl ein Macbook bedienen und diverse Optionen umstellen oder Webseiten ansurfen. Aber er kann deswegen noch keine Webseite designen, keinen RAM-Fehler beheben oder kein PHP-Skript debuggen. Dass nicht wenige Digital Natives das gelernt haben, liegt aber nicht an der Gnade der Geburt nach 1980 sondern daran, dass das ihr Talent und ihre Leidenschaft war und von 20 Kids können das mit hoher Wahrscheinlichkeit --so wie früher auch-- zwei.

Wer ist nun der Träger der Digitalkultur? Es ist die "Generation ARPANET" (Cerf & Co) und die "Generation C64" (nehmen wir da mal so Leute wie Gates mit rein) im Tandem. Sie sind die "Digital Pioneers", die den Weg für die Masse der 'Immigrants' geebnet hat. Pioneers und Immigrants sind auch die, die die Paradigmen weiterschubsen, weil sie die alten kennen und die neuen formen.

Ein 'Native' kann ich nur sein, wenn ich in eine Kultur geboren werde, die sich mir strukturell (durchaus im Sinne von Claude Lévy-Strauss) vermittelt.

Wenn es in der Wikipedia weiter heißt...
"Diese allgegenwärtige Ausstattung und die massive Interaktion damit führt zu einem anderen Denken, anderen Denkmustern und zu einem fundamentalen Unterschied, Informationen zu verarbeiten. Grundlage ist, dass unterschiedliche Erfahrungen zu unterschiedlichen Hirnstrukturen führen. Sie sind gewohnt, Informationen sehr schnell zu empfangen, sie lieben es parallel in Multitasking zu arbeiten. Sie lieben den Direktzugriff auf Informationen (im Gegensatz zum seriellen), ziehen die Grafik dem Text vor und funktionieren am besten, wenn sie vernetzt sind. Sie gedeihen bei sofortiger und häufiger Belohnung."

... dann ist man versucht, das Digital-Native-Sein als Mangelerscheinung zu beschreiben, denn als neue Qualität oder gar Kompetenz.

Die Innovation wird weiterhin von den alten -also eher die "Generation Münzfernsprecher" (den keins meiner Kinder je bedient hat)- und natürlich neuen Digital Pionieers kommen, denen, die in beiden 'Wechselkulturen' zu Hause sind, und die eine wie die andere verstehen und verknüpfen können. Sich auf die Position des "Immigrant" zurückzuziehen und zu sagen: "Sollen das mal die Kids machen, die kriegen das schon hin." ..., das wird weder die medialen, noch die wirtschaftlichen noch die gesellschaftlichen Herausforderungen knacken, denen wir uns in der Informationsgesellschaft gegenübersehen.

Der Digital Native taugt als Hoffungsträger höchstens als Gadgetkäufer und Medienkonsument. Und da ist die Frage, welches Niveau diese Medienprodukte dann brauchen.

Zum Abschluss meine Lieblingsanekdote, die ich zu diesem Thema ("ich bin zu alt für dieses Comuterzeugs") immer erzähle.

1989 ging ein Kapitätsleutnant in den Ruhestand. (Ich glaub das war der Rang.)
Er nahm sich vor, als Ruhestandsprojekt ein Buch über die Wiedervereinigung zu schreiben.
Man sagte ihm, Verlage nähmen das Manuskript nur, wenn es auf Diskette vorliege und (damals) mit DOS-Word geschrieben sei.
Er kaufte sich nen Rechner mit DOS und MS-Word (so 2.0 oder 3.0 war das damals) und schrieb.
Und hatte dann nicht viel später als Ruhestandsjob das Halten von WORD-Kursen für Studierende am Rechenzentrum der Uni Konstanz.
Ob das Buch je gedruckt wurde, weiß ich nicht.

Update dank eines Hinweises von @dentaku:
* Digital Native im Beruf
Update für @zoernert: Münzfernsprecher integriert

Update: Die erwähnten Bücher:





Stuttgarter Eiszeitausstellung:


Update: 5.4.: Eiszeit-Buch hinzugefügt, paar Tippfehler entfernt, der Versuchung inhaltlicher Ergänzung widerstanden.

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