18.07.2012

Gert Heidenreich über das Netz und eine notwendige zweite Renaissance

Hier findet sich - hoffentlich noch lange - der Wissen-Essay von Gert Heidenreich.
SWR2 Wissen: Aula: Das Netz, das Glück, die Beziehung - SWR2

Das Essay enthält ganz hervorragende Betrachtungen über Netz, Gesellschaft und Bildung.

Da der Text etwas komplex ist, werde ich versuchen ihn - auch für mich selbst - etwas zu ordnen oder besser: in oft fremden, oft eigenen Worten paraphrasieren.

- Das Netz
... hat sich zu einem zentralen Bild der Gegenwart und des Zustandes der Gesellschaft entwickelt. Wir sind 'in Netzwerken' (Beziehungen beruflicher und privater Art), vernetzt sind Roboter, die Aktien kaufen und verkaufen, vernetzt sind Drohnen, die Kriegsziele gemeinsam angreifen und 'wissen' was schon 'erledigt' ist, vernetzt sind wir natürlich über Rechner und Handy mit dem Internet, das sich zum riesigen wissensspeicher entwickelt hat.

- Wissen, erklären, erfahren
Das netz ist prima, prima darin, wissen zu struktirieren (Wikipedia). Fakten und Manipulation stehen aber nebeneinander. Gut und böse, richtig und falsch, politisch 'gut' oder 'böse: das kann das Netz per se nicht vermitteln. Bewertung, Ethik, gefühl, erfahrung: das müssen wir offline machen.
Bildung wird mehr verstanden als 'Training für die Arbeitswelt', dazu sind ausschließlich Fakten notwendig, und 'Skills', kaum die Kompetenzen den aufgeklärten Menschen.

- Literatur & Bildung
Erzählende Literatur ist ein Simulationsraum für Konflikte zwischen Werten, Ansichten, Gefühlen, Prinzipien. Hier können Individuum und Gehirn Modelle durchspielen und für den 'Rest' lernen.
Schulische Beschäftigung mit Literatur ist mehr analysierend als erfahrend (also mehr auf wissen konzentriert, denn auf Immersion und Genuss). während Schule als Wissensvermittlungsinstitution Relevanz einbüßt (ich kann ja im Netz nachsehen, da werden mir Fakten erklärt), hätte sie eine wertvollere Rolle als Vermittlerin ethischer und ästhetischer Kompetenzen, also: in den Geisteswissenschaften. [Nebenbei passiert so etwas genau an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, wo Kultur, Wirtschaft und Politik synergistisch gelehrt werden.]

Heidenreich hat nichts gegen das Netz. Er betrachtet nur mit Sorge eine Gesellschaft, die sich einem Netz (NICHT dem Internet allein!!!) ergibt, ohne gleichzeitig in der nächsten Generation die Kompetenzen zu fördern, die sie befähigen
- wahr und falsch
- gut und böse
- autoritär und freiheitlich
- kapitalistisch und sozial
- ... und ....
erkennen und bewerten zu können.

Heideneich schließt (das kann ich, leistungsschutzrecht hin oder her und der Zitatgott möge mir gnädig sein, nicht besser sagen):
"(....) die Frage, die ja über aller Erziehung steht(...): Was braucht es, um aus unseren Kindern Menschen werden zu lassen, die sich in der Welt verstehen und ein erfülltes, gelingendes Leben führen können? Aristoteles nannte das in seiner Nikomachischen Ethik Eudaimonia. Seiner Ansicht nach ist das, was den Menschen kennzeichnet, sein ergon, die Begabung zur Vernunft. Hinzu kommen Sprache, sittliches Verhalten und politische (staatsbürgerliche) Verantwortlichkeit. Die Fähigkeiten und Tugenden, im richtigen Maß, also in menschengemäßer Weise ausgeübt, führen zum Lebensglück. Die Suche danach ist seither das große Thema der Weltliteratur.
(...) Wo [Faust] als Mann des Mittelalters den Ausweg in die Magie wählte, steht es uns frei, mit einer neuen geisteswissenschaftlichen Perspektive uns selbst besser zu begreifen und unsere Umwelt menschengemäß zu gestalten: ohne Goldenes Kalb, ohne Ungeduld, mit einem neuen Verständnis für die Langsamkeit der Bildung. Das wäre nicht weniger als eine zweite Renaissance."


Ja, brauchen wir. Vorschläge?

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