19.01.2015

Digitale Gratwanderung [*.txt]

Dies ist ein Beitrag zum [*.txt]-Projekt
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Das Wort 'virtuell' kann ich gar nicht ausstehen. Das erste Mal gehört habe ich es im Physikuntericht in Optik: Virtuell, scheinbar, ist das Bild, das ein Spiegel erzeugt. Denn er zeigt ja nicht wie eine Fotografie ein 'echtes' Bild, sondern eben nur ein scheinbares; eines, das für jeden, der in den selben Spiegel zur selben Zeit schaut, ein anderes ist. Also: Nicht erst im Gehirn, schon 'vor' der Netzhaut ein anderes.
Darum ist digitale Kommunikation keine Kommunikation im 'virtuellen Raum'. Wir sprechen zwar vom digitalen Kommunikationsnetz (vulgo: Internet) in Raum-Metaphern, aber das sind eben Metaphern, bildhafte Vergleiche. Dass wir 'surfen' sagen, und damit eine Bewegung implizieren oder 'uns von der einen Webseite auf die andere bewegen' (wo doch an sich an der selben Stelle einfach andere Daten angezeigt werden), das mag das Adjektiv 'virtuell' rechtfertigen, macht aber unsere Kommunikation in diesem Metaphernraum nicht selbst zu einer 'scheinhaften', denn die Menschen am anderen Ende wirken zwar wie Automaten, sind es aber nicht.

Diese kognitive Dissonanz mag es sein, die die 'A-Digitalen', Internethasser oder liebevoll-ironisch 'Internetausdrucker' genannten irritiert. Sie hat ihre Ursache teilweise in der Notwendigeit, die Journalisten empfinden, ständig die Nomina zu wechseln, während sie vom selben Ding reden. Hamburg, die Hansestadt, die Stadt an der Alster, das Internet, der Cyberspace, die virtuelle Welt: Nicht immer bliebt eine solche Spielerei eben frei von Konsequenzen. In diesem Falle schleicht sich bei vielen das Gefühl ein, Kommunikation im Netz sei unecht und entfremdet. Ich benutze immer das Bild, dass ein Mailaustausch genau so wenig virtuell ist wie ein Telefonat (das heutzutage wahrscheinlich ohnehin via IP stattfindet).  Ansonsten müsste mir jemand den kategorischen Unterschied zwischen einem (Bild-)Telefonat und einem Skype-Telefonat erklären, was deren Realitätsgehalt angeht.

"Warum schauen die Kids in ihr Handy, statt mit Menschen zu kommunizieren?" "Aber: auf dem Handybildschirm sind doch die Menschen, mit denen sie reden!" Dieser Dialog spielte sich vor ein paar Tagen ab und ist genau der Beleg für das, was ich oben skizziere. Das Adrenalin, das aus Wut auf einen Maildialogpartner oder einen Gegner in einem Spiel frei wird, das ist so "echt" wie das, das in die Blutbahn strömt, wenn man im Tigerkäfig steht. Die Beziehungen, die man real oder digital knüpft und digital oder real fortsetzt, sind gleich real, so wie die digitalen Dialoge.

Gratwanderung? Sozusagen auf einem virtuellen und definierten Grat: Denn wenn digital und real gar keine Gegensätze sind, warum konstruieren wir sie dann? Ich stelle einerseits wenig Unterscheide fest, andererseits bin ich auch immer weider beruhigt, wenn ich trotz meines digitalen Arbeitsalltags in der "realen" Freizeit kaum das Gefühl habe, ich müsste jetzt alles und jedes fotografieren und online stellen, oder dass mir nicht unwohl ist, wenn ich in einem neuen Restaurant nicht einchecke - auch wenn ich dann den Vorteil hätte, mich zu erinnern, wann ich zuletzt da war.

Wenn es Digital Natives gibt, dann kennzeichnet sie nicht die "digitale Fitness", die schlafwandlerische Sicherheit, alles in #Neuland gleich "richtig" zu benutzen, sondern die Tatsache, dass sie einerseits das "Digitale" und das "Reale" als ein uns das selbe betrachten, dass sie aber andererseits sehr strakt und halb intuitiv reflektieren, was sie wo online speichern (lassen). Diese Kombi aber aus einer "realdigitalen" Weltsicht und einer digitalen Reflektiertheit ist nichts, was man in die Wiege gelegt bekommt, das ist einfach etwas, das man zu jeder Zeit einfach lernen kann.

Alles andere ist eine Ausrede. oder eben die Verwechslung einer Metapher mit deren Wirk-Licheit.


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